Warum mein Fee eine Neuauflage braucht

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Man könnte meinen, Wunderwesen wie Feen machten keine Fehler. Man könnte meinen, sie wüssten alles, könnten alles, und ihre Wünsche gingen immer in Erfüllung. Und sie könnten einem selbst alle Wünsche erfüllen. Vielleicht ist das auch eigentlich so – aber als Autor kann man ihnen bei diesem Anspruch ganz schön im Weg stehen. Denn die armen Kerle müssen ja tun, was man ihnen vorschreibt!

Und deshalb bin wohl ganz alleine ich Schuld, dass eine recht dumme Kinderkrankheit, gegen die es reichlich Prophylaxemöglichkeiten gegeben hätte, meinen Fee für fast ein Jahr außer Gefecht gesetzt hat. Anstatt hinauszuziehen in die große, weite Welt und Freunde zu finden, musste er sich durch zahllose Therapiestunden quälen, eine Stilberatung über sich ergehen lassen, mit mir um Worte ringen oder unendlich gelangweilt und ganz alleine im Schrank sitzen und auf Genesung warten.

Und deshalb habe ich ihm versprochen, dass ich alles tun werde, um das wieder gut zu machen. Dazu gehört, ihm mit einer Neuauflage eine neue Chance zu verschaffen – und von meinen Fehlern zu erzählen, vielleicht kann ja jemand was daraus lernen. (Jede gute Tat macht einen Fee glücklich.)

Diagnose: ZGK

Mein kleiner Fee hatte also die sogenannte ZGK, kurz für Zielgruppenkrankheit. Die Folgen dieser Krankheit können für Bücher absolut verheerend sein. Denn wenn nicht klar ist, wer es lesen soll, wie prüft man dann, ob es für diese Gruppe potenzieller Leser geeignet ist? Ob es diese potenziellen Leser anspricht? Und woher sollen diese nicht definierten Menschen wissen, dass sie die Geschichte lesen sollen?

Dass man seine Zielgruppe schon zu Beginn eines Buchprojektes festlegen sollte, ist natürlich kein Geheimnis. Das git ja auch nicht nur für Bücher, sondern eigentlich für jedes Produkt, jede Kommunikationsmaßnahme. Oft macht man das ganz intuitiv richtig. Aber ich glaube, dass man sich die Zielgruppe gerade bei Erstlingswerken, die ja oft sehr lange brauchen, um in einem zu wachsen und ihren Weg aufs Papier zu finden, ganz besonders bewusst machen sollte. Man liest viel über das Schreiben, probiert viel aus, lernt viel dazu, die Ansprüche verändern sich, der Schreibstil verändert sich … So war das zumindest bei mir. Ich habe mein Buch über mehrere Jahre hinweg, mit vielen Pausen geschrieben. Ganz einfach, weil mich meine normale Arbeit sehr in Anspruch genommen hat. Und da habe ich nach den Pausen manchmal aus den Augen verloren, was ich davor im Gefühl hatte. Erst wollte ich ein Kinderbuch schreiben, dann eine Geschichte, die mich auch als Erwachsene noch begeistert, die also deutlich komplexer sein muss, und in der es auch etwas mehr zur Sache gehen kann – und dann wurde es ein Gemisch aus beidem. Da war es schwierig, eine Gruppe voll und ganz zu begeistern. Bei meiner Leserunde auf Lovelybooks, quasi beim live Kommentare Mitlesen, wurde mir klar, dass auch meine zahlreichen Überarbeitungsschleifen das nicht ausreichend ausgemerzt (und zum Teil sogar verschlimmert) haben.

Symptome zur Früherkennung der ZGK

Deshalb hier ein paar der mir inzwischen bekannten Symptome der ZGK:

  • Betaleser, die von manchen Stellen im Buch sehr überrascht sind
  • häufige Kommentare, dass es eine wunderschöne Geschichte für jemand anderen sei
  • und ein Gefühl akuter Unsicherheit beim Autor, was die Zielgruppe angeht

Na klar, akute Unsicherheit verspürt jeder Autor, Leser zu überraschen ist doch gut, und mein Buch kann ja nicht jeden umhauen. So dachte ich. Ja, mag sein. Trotzdem kann es sein, dass die Unsicherheit berechtigt ist, die Überraschung nicht an spannenden Wendungen sondern an Inkonsistenzen liegt, und dass das Buch für niemanden richtig ist.

Prophylaxemaßnahmen (& meine Ausreden, sie nicht zu nutzen)

Und hier noch ein paar Prophylaxemaßnahmen (die mir sicher geholfen hätten, und die ich aus den angegebenen, verständlichen und trotzdem dummen Gründen nicht oder nur unzureichend getroffen habe):

  1. Die Geschichte Betalesern aus potenziellen Zielgruppen zu lesen geben, bis man sich sicher ist

Ich war mir nicht sicher, ob meine Geschichte für ältere Kinder, Jugendliche, oder für märchenverliebte Erwachsene (wie mich) ist. Als Kind / Jugendliche hätte ich so etwas gelesen. Leider ist das inzwischen schon ein paar Tage her. In meinem Umfeld gibt es wenige Kids im Alter von 10-12 Jahren, und auch wenige Jugendliche. Erwachsene gibt es viele, aber so märchenverliebte Vielleser – auch eher mau. Na klar hätte ich im Netz suchen können, nachdem ich das Feedback von meinen engsten Vertrauten hatte. Aber a) wusste ich gar nicht, wo anfangen, b) das hätte ja noch länger gedauert, und c) wieso sollten die das machen? Da hätte ich mir ja d) wahrscheinlich als Gegenleistung ganz viele schlechte Geschichten durchlesen & sie kommentieren müssen. Und e) ich habe doch so wenig Zeit. Und f) woher weiß ich überhaupt, was das für Leute sind, und ob die gutes Feedback haben? (Das klingt ganz schön arrogant, aber ich wette, dass jeder Schreiberling so etwas Ähnliches schon mal gedacht hat …) Und in Bezug auf Kids: Kids findet man natürlich nicht als Betaleser im Netz. Das führt zur nächsten, wohl essenziellsten Prophylaxemaßnahme:

2. Ein professionelles Lektorat. Von einer Lektorin, die sich in dem Bereich auskennt

Nicht, dass ich nicht auf die Idee gekommen wäre, das predigt schließlich (zu Recht) jede/r der irgendetwas mit Büchern & (Self-) Publishing zu tun hat. Aber ich hatte doch so kluge Betaleser. Es haben sicher nicht alle Selfpublisher so kluge Betaleser. Und keine so detailverliebten, in Rechtschreibung bewanderten Mütter, die jeden Fehler aufstöbern. Und ich habe mir auch unendlich viel Mühe mit der Überarbeitung gegeben. Und ich kenne doch gar keine Lektoren, und was, wenn die gar nicht gut sind? Das ist ja schließlich auch nicht billig, ob mein Buch das wieder reinspielt? Und irgendwie weiß ich ja gar nicht, ob das Buch es überhaupt wert ist, den Aufwand hineinzustecken. Was, wenn das alles nur ein Hirngespinst ist, und jetzt gebe ich so viel Geld dafür aus?

Ich kann ein paar meiner Beweggründe immer noch nachvollziehen. Trotzdem stand ich mir damit selbst im Weg. Auch wenn, und gerade weil die Veröffentlichung meiner ersten, eigenen Geschichte mit wahnsinnig viel Unsicherheit behaftet war und mir ordentlich Muffensausen beschert hat, hätte ich mir das Leben viel leichter gemacht, das professioneller anzugehen und mein Buch als ein Produkt anzusehen, für dessen Erstellung man nunmal Dienstleister braucht. Wenn andere Autoren seit Jahrhunderten ein Lektorat brauchen, dann gehört das zur Erstellung eines Buches so dazu, wie einen Anwalt hinzuzuziehen, wenn man vor Gericht geht. Inzwischen habe ich eine wunderbare Lektorin gefunden, mit deren Hilfe ich meinen kleinen Fee wunderbar von seiner Zielgruppenkrankheit kurieren konnte. Das hätte ich alleine nie geschafft. Man kann auf sein eigenes Buch einfach nicht so einen ungetrübten Blick haben. Eine Lektorin zu finden, war übrigens gar nicht schwer. Ich habe eine E-Mail an eine Dame geschrieben, die mir auf Facebook durch sinnvolle, sachliche Beiträge aufgefallen war, und schwups, schon lief das. Jetzt weiß der kleine Fee, mit wem er auf Abenteuerreise gehen möchte. Mit im Geiste jung gebliebenen, alterslosen Menschen, die phantasievolle, märchenhafte Geschichten zu schätzen wissen.

Genesen – und jetzt? 

Neben intensiver Überarbeitung & zwei Schleifen Lektorat werde ich jetzt, bei meiner Neuauflage, noch ein paar andere Dinge anders machen, um Francis eine echte Chance zu geben:

  • Ein professionelles Cover. Es sieht einfach besser aus. Ich bin immer noch ein klein wenig stolz auf mein selbstgemachtes Cover. Aber abgesehen davon, dass es einfach viel zu sehr wie ein Kinderbuch wirkt (weil ich ja nicht wusste, für wen es ist), hat es auch einfach ein paar Schwächen, z.B. sieht mein Fee aus der Ferne (oder in klein) einfach nur noch aus wie ein weißer Fleck 😉 Trotzdem hat es mir Spaß gemacht, daran zu basteln (aber ich hätte in der Zeit, die ich dafür verwendet habe, wahrscheinlich auch ein halbes Buch schreiben können). Und das Neue von der Designerin ist echt schmuck :-)
  • Ein günstiger Preis. Kein Mensch kennt mich (außer den Menschen, die mich kennen, natürlich. Das sind aber nicht so viele). Kein Mensch interessiert sich für mein Buch. Ich kaufe zwar auch ständig teurere Bücher, und bin der Ansicht, dass gute Geschichten mehr Wert schaffen als ein Kaffee, aber Preise bestimmen sich nun mal aus Angebot und Nachfrage. Deshalb biete ich mein Buch zum Einführungspreis von 99 Cent und später für 2,99 € an (Taschenbuch 9,99 €).
  • Ein Vertriebskanal. Jedes Businessbuch predigt, dass es besser ist, in einer Zielgruppe eine möglichst hohe Durchdringung zu schaffen, als in vielen Zielgruppen jeweils ein paar Leute zu erreichen. Weil man dann eine Chance hat, dass die Menschen über einen reden, und es überschwappt. Das gilt auch und besonders für Vertriebskanäle. Deshalb werde ich für mein ebook den exklusiven Vertrieb von amazon, kdp select nutzen. Ursprünglich dachte ich, es sei wichtig, überall vertreten und auffindbar zu sein, und deshalb habe ich letztes Mal neben dem amazon-Dienst kdp noch den ebook Distributor neobooks genutzt, der auch alle anderen Vertriebskanäle bespielt. Das hat mir rein gar nichts gebracht. Ich habe eh nicht viele ebooks verkauft, sondern hauptsächlich Taschenbücher (da mein Buch zu sehr nach Kinderbuch aussah). Dennoch glaube ich, dass Auffindbarkeit für unbekannte Autoren irrelevant ist, da niemand nach ihnen sucht. Neulinge brauchen Sichtbarkeit, Awareness, und da stehen die Chancen nunmal höher, wenn man sich konzentriert und weniger Kanäle bespielt, in denen die Käufe gebündelt werden. Vielleicht (hoffentlich) taucht man ja dann irgendwann mal in irgendwelchen Listen auf … Das Taschenbuch werde ich weiterhin über BOD herausbringen.
  • Marketing. Ich freue mich schon, Geschichten zu meiner Geschichte zu erzählen. Diesmal werde ich nicht nach 5 Wochen damit aufhören – weil ich mir sicher bin, dass mein Buch jetzt so gut ist, wie es sein kann. Und ich werde mich überwinden, Dinge zu tun, die mir schwerfallen. Dinge, die nicht skalierbar sind. Wie auf dem Flohmarkt zu stehen, und mit Besuchern über meine Bücher zu sprechen.
  • Weiterschreiben. Last but not least, glaube ich, dass ich jetzt endlich wieder den Kopf frei haben werde, weiter zu schreiben. Irgendwie ging das nicht, ohne zu wissen, dass ich mit der Geschichte, die da draußen im Netz erwerbbar ist, mein wirklich bestes gegeben habe. Dabei hat der Fee doch noch so viele Flausen im Kopf …

Abschließend möchte ich noch sagen:

Je ne regrette rien (Ich bereue nichts).

Ich bin froh, dass ich aus meinem Schriftsteller-Kokon geschlüpft bin, und mich der Welt gestellt habe. Denn ich habe einiges gelernt. Klar hätte ich auch gleich alles richtig machen und total viel Glück haben können – aber ganz ehrlich – wann passiert das denn schonmal?

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