Leseprobe – Francis, der fette Fee

Francis lugte durch das Schlüsselloch. Ordentlich aufgereihte Schühchen standen da, schick und modern, so wie es die hippen Feenmädchen heute trugen. Dann versperrte ihm eine Wand den Blick. Er wusste genau, dass der Flur nach links abbog, und in ihre Wohnstube mündete. Ach, wie sehr wünschte er sich dorthin, zum Duft der Sonnenblumen, zu der blauen Couch, auf der er schon so oft neben ihr gesessen hatte. Sie, die Beine angezogen, die Arme darum geschlungen, so gelassen lachend, dass ihre Flügel tanzten. Diese Flügel, die auf so wunderbare Weise das Licht brachen und in allen Farben schillerten. Francis schloss die Augen und lächelte bei der Vorstellung. Dann richtete er sich auf, strich das Jackett glatt, das er sich extra für den Anlass von seinem Onkel geliehen hatte, warf einen Blick auf den Strauß Wiesenblumen in seiner Linken – nicht dass diese schon die Köpfe hängen ließen – und klopfte. Nichts. Er klopfte noch einmal, lauter diesmal, dann legte er sein Ohr an die Tür und horchte. Nichts. Enttäuscht und gleichzeitig ein klein wenig erleichtert, dass er heute nicht mutig sein musste, ließ er die Blumen sinken und wandte sich zum Gehen.

»Hey, Fetti! Kein Glück heute?«

Francis erschrak, trat ins Leere, zappelte ein paarmal mit den Flügeln, die ihm aber nicht so schnell aus der Patsche helfen konnten, und purzelte die Stufen hinunter. Kling, klong, kling. Da lag er also im Dreck, vor Djamila und ihren Freunden. Umgeben von den Blumen, die ihm beim Fallen aus der Hand geglitten waren. Und hatte er tatsächlich gerade gesehen, wie Djamila Jonas’ Hand hielt? Ihre Freunde krümmten sich vor Lachen, fächerten sich Luft zu und zeigten auf ihn. Das Blut schoss ihm in die Wangen. Schnell rappelte er sich auf und wischte sich den Staub aus dem Gesicht.

»Hast du dir weh getan?«, hörte er Djamila fragen. Sie war einen Schritt auf ihn zugetreten und legte die Hand auf seine Schulter. Francis schüttelte mit gesenkten Augen den Kopf und wandte sich ab. Er wollte nicht, dass sie die Tränen sah, die ihm in die Augen traten. 

»Ich muss los. Hab es etwas eilig«, brachte er noch hervor, dann stapfte er los, bemüht lässig, während er in den Hosentaschen die Hände zu Fäusten ballte und sich vorstellte, Jonas eine zu verpassen.

Jonas also. Ein Bild der beiden, eng umschlungen, schlich sich in seinen Kopf, während er ziellos durch das Dorf lief. Wahrscheinlich war er selbst der Letzte, der davon etwas mitbekommen hatte. Wie hatte er sich nur einbilden können, eine Chance bei Djamila zu haben? Jonas und Djamila passten einwandfrei zusammen. Sie war schön, er stark und attraktiv. Die meisten Mädchen fingen an zu tuscheln, wenn dieser Adonis vorbei schwebte. Francis selbst dagegen, nun ja, er konnte nicht einmal seine Fußspitzen sehen, wenn er im Stehen an sich herunterblickte. Auch nicht, wenn er den Bauch einzog. Aber das musste sich ändern, das würde sich ändern.

Der kleine Fee atmete tief ein, schob die Schultern nach hinten und blickte sich um. Wie von selbst hatten seine Schritte ihn hierher geführt. Rasch schlüpfte er zwischen zwei Holzplanken hindurch in die Hütte am Straßenrand. Normalerweise achtete er darauf, dass niemand in der Nähe war, wenn er sein Versteck betrat, und spähte meist sogar noch einmal hinaus, um sich zu vergewissern, dass ihn auch wirklich niemand gesehen hatte. Doch heute war es ihm egal. Mit wenigen Flügelschlägen durchquerte er das Zimmer und landete hinter einem ausrangierten Sessel. Sonnenstrahlen fielen durch ein Loch im Dach und ließen die Staubschicht glitzern, die sich über rostige Gerätschaften und alte Möbelstücke zog. Eine neue Spur führte darüber hinweg, Fußabdrücke, die im Zickzack verliefen und von der Suche ihres Besitzers nach Essbarem erzählten. Sie führten zu Francis’ geheimem Honigvorrat. Sollten sie doch. Er würde ihn nicht mehr brauchen.

Mit geübten Griffen zog Francis die Holzkiste unter dem Sessel hervor und öffnete das Vorhängeschloss. Er seufzte. Dann nahm er das Buch heraus und setzte sich auf den Boden. Seine Finger strichen über den Einband, fuhren zwischen die Seiten und schlugen es auf. Es kam ihm vor, als verblasste die Tinte jedes Mal ein Stückchen mehr, wenn er sich anschickte, die krakelige Handschrift zu entziffern, als lösten sich die Seiten unaufhaltsam unter seinen Händen auf. Einmal mehr versank er in den Buchstaben, die lange vor seiner Geburt geschrieben worden waren und die Sehnsüchte eines anderen dicken Jungen beschrieben. Seine ganze Kindheit lang hatte er seinen Vater gehasst. Mit Leidenschaft. Weil er sie verlassen hatte. Und weil er ihm diesen dicken Bauch vererbt hatte. Zumindest hatte das sein Onkel so erzählt, um ihn aufzumuntern, als ihm mal wieder die Spottverse der anderen Feenkinder nachhallten. Er hatte die ausladende Wölbung um seine Körpermitte als »gemütlichen Bauch« bezeichnet, um es besser klingen zu lassen. Aber Francis war klar, dass die meisten Feen ihn abschätzig betrachteten, denn Feen waren nicht dick. Er war anders, gehörte nicht dazu. Der Reim hing ihm noch immer im Kopf:

Francis, der fette Fee, da tut das Anschauen weh, Francis, mit dem dicken Bauch, den Berg hinab, da rollt er auch.

Dafür und für alles Schlechte hatte er seinen Vater verantwortlich gemacht. Doch dann hatte er eines Tages nach dem Tod seiner Mutter auf dem Speicher das Tagebuch entdeckt. Und das erste Mal in seinem Leben hatte er eine tiefe Verbundenheit empfunden. Was er auf den Seiten las, waren niedergeschriebene Gedanken, die fast genauso schon hundertfach durch seinen eigenen Kopf gewandert waren. Wie konnte er jemanden hassen, der war wie er selbst? Den Einzigen, der war wie er selbst? Francis schüttelte den Gedanken ab und steckte das Tagebuch seines Vaters in die Brusttasche seiner Latzhose. Das dämliche Jackett seines Onkels zog er aus und warf es achtlos auf den Sessel. Er würde das Feenreich verlassen, so wie er es sich schon tausendmal vorgenommen hatte. Diesmal würde er es tun. Er würde auf den Spuren seines Vaters wandeln, die Welt erkunden und irgendwann als großer Abenteurer mit gestählten Feenmuskeln zurückkehren. Vielleicht würde Djamila dann endlich mehr in ihm sehen als den trotteligen, dicken Nachbarsjungen.

***

»Wo ist er hin?« Die Folfin Fabila blickte von den Fußabdrücken ihres Verlobten, die sich klar und deutlich im festen Sand abzeichneten, zu ihrem Kameraden Bulu. Dieser starrte mit offenem Mund zu der leeren Stelle an der Seite der Folfin. Die Szenerie war in ein merkwürdig helles Licht getaucht, das jedoch sogleich wieder verblasste und den Strand der Dunkelheit zurückgab. Als wäre eine Sternschnuppe direkt über ihren Köpfen vorbeigezogen, anstatt in Milliarden von Lichtjahren Entfernung.

»Genau da war er eben noch«, murmelte der Folf und zeigte mit dem Finger auf den Boden.

»Aber wo ist er jetzt?« In Fabilas Stimme mischte sich ein Hauch von Panik. »Spielt ihr mir einen Streich?« Sie drehte sich einmal um ihre Achse und tastete ihre Umgebung mit den Augen ab. Sie sah dunkles Wasser, den schmalen Sandstrand, an dem sie standen, die breithüftige Gestalt ihre Freundes Bulu und dahinter das steil in den Himmel ragende Kliff und den Pfad, den sie hinabgeklettert waren.

»Bulu, was ist hier gerade passiert?« Sie suchte den Blick des Freundes. Der Wind blies ihr das blaue Fell in die Augen. Vergeblich versuchte sie, es hinter die großen, spitzen Ohren zu schieben und so zu bändigen. Bulu hatte sich nun aus seiner Schockstarre gelöst und sah sich ebenfalls in der Bucht um. Dann blieb sein Blick an den ruhig einlaufenden Wellen hängen.

»Das Meer. Es muss etwas aus dem Wasser gekommen sein und ihn geholt haben. Wir müssen hier weg! Sonst sind wir bestimmt die Nächsten!« Bulu lief landeinwärts, stolperte, richtete sich auf und kletterte hastig den Pfad hinauf. Nach ein paar Metern drehte er sich um: »Los, Fabila!«

Fabila stand fassungslos auf der Stelle und sah zu, wie eine Welle die Fußspuren ihres Verlobten überspülte und sie zu unförmigen Sandlöchern werden ließ.

»Was kommt uns holen?«

»Ich weiß es doch nicht. Aber was auch immer es war, es kann doch nur aus dem Wasser gesprungen sein und ihn hineingezerrt haben. Jetzt geh schon da weg!«

»Ohne Kärlchen gehe ich nirgendwohin. Wenn es ihn hat, soll es mich auch haben!« Mit diesen Worten machte Fabila einen Schritt in Richtung des Wassers und steckte ihren großen Zeh hinein.

»Nein. Tu das nicht!«, schrie Bulu und rannte zurück, um sie aufzuhalten. Doch ehe er sie erreichte, schloss Fabila die Augen, hielt sich die Nase zu und machte einen Satz nach vorne.

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